Mit seinen gerade mal 60.000 Einwohnern könnte Marietta im Schatten der benachbarten Viereinhalb-Millionen-Metropole Atlanta fast übersehen werden. Schade wär’s. Marietta weiß faszinierende Geschichte zu erzählen.

Im Knarren der alten Holzdielen scheint das Donnern von Kanonen nachzuhallen. Nicht nur der Duft von Holz und Leder liegt in der Luft, auch irgendwie der von Pulver. Und man ist sich fast sicher, würde man jetzt aus dem Fenster in Richtung Atlanta schauen, man würde es am Horizont brennen sehen. Wenn Besucher Eindrücke dieser Art aus Marietta mitnehmen, dann hat das seinen Grund.

Denn dieses Kleinod, das sich um den wunderschönen Marktplatz „Marietta Square“ gruppiert, hat in der Geschichte des Bürgerkriegs ein eigenes Kapitel geschrieben. War es doch die erste Stadt in Georgia, die General Sherman auf seinem berüchtigten „Marsch ans Meer“ in Brand setzte. Nördlich von Marietta gedenkt man der Schlacht am Kennesaw Mountain. Auf dem Marietta National Cemetery und dem Marietta Conderate Cemetery haben 13.000 Soldaten ihrem Frieden gefunden.

Springbrunnen am Marietta Square, Marietta, Georgia, USA. Foto: Georgia Tourism
Springbrunnen am Marietta Square. Foto: Georgia Tourism

Besonders tief taucht man in Mariettas Geschichte ein während der jährlichen Marietta Pilgrimage, meistens Anfang Dezember. Verschiedene Häuser – eines davon stammt aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg – öffnen die Tore für Besucher.

Auf der Tour durch Mariettas Historic District schnuppern Besucher die Luft vergangener Zeiten und bekommen einen Einblick in die Epoche der riesigen Reifröcke. Zu sehen sind das Benson-Hardin-Mills House, das McLellan-Apple-Bullington House, das Gordon-Padgett-Owens House, das Reese-Romijn-Powell House, das Millwood-Luxemburger-Kinney House und das Archibald Howell House. Gerade Letzteres hat viel zu sehen bekommen. Die 1843 im Stil des Klassizismus erbaute Villa mit zwei riesigen weißen Säulen beidseits des Eingangs wurde während des Bürgerkriegs zunächst zum Feldlazarett umfunktioniert und war dann von Juni bis Dezember des Jahres 1864 das Befehlsquartier von General H.M. Judah, des Adjutanten von General William T. Sherman. Für das Haus war das ein großes Glück, denn es blieb so von der Vernichtung verschont. So diente es ein paar Jahre später als Schule und seit 1890 schließlich wieder als Wohnhaus.

Wer die Südstaatengeschichte vor allem aus Vom Winde verweht kennt, holt sich hier einen beeindruckenden Nachschlag zu dem Epos. Das Gone with the Wind Museum zeigt Original-Requisiten, darunter auch ein Originalkostüm: das Flitterwochen-Kleid, das Vivian Leigh im Film getragen hat. Neben weiteren Kostümen und Requisiten aus dem Film sieht man auch Ausgaben des Romans aus dem Nachlass der Autorin Margaret Mitchell selbst und ein Original-Drehbuch aus dem Besitz der Schauspieleren Ona Munson, die in dem Film die Rolle der Belle Watling gespielt hat. Damit ist dieses Haus die wichtigste Vom Winde verweht-Attraktion neben dem Margaret Mitchell House & Museum in Atlanta.

The Big Chicken, Kentucky Fried Chicken, Marietta, Georgia, USA. Foto: Wikimedia Commons, CC0
The Big Chicken in Marietta. Foto: Wikimedia Commons
Das Wahrzeichen von Marietta ist das bekannte Big Chicken, eine 17 m hohe Stahlkonstruktion, die ein sich bewegendes Huhn darstellt. Die Werbekonstruktion wurde vom Besitzer des Ladens „Johnny Reb’s Chick, Chuck and Shake“ im Jahr 1963 errichtet, um mehr Kundschaft anzulocken.

1974 wurde das Restaurant geschlossen und eine Kentucky Fried Chicken-Filiale zog ein. Nach Sturmschäden im Jahr 1993 wollte KFC das „Big Chicken“ abreissen, doch landesweite Protestschreiben verhalfen dem Big Chicken zu einer Restaurierung.

Marietta erkundet man gemütlich zu Fuß. Die Route ergibt sich dabei von ganz allein. Immer von einem der über 70 kleinen Läden zum nächsten der 30 Cafés und Restaurants. Und nach Sonnenuntergang geht’s auf eine Geistertour.

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